Datum: Fri, 24 Feb 2012 15:30:48 +0000
Von: DeutschPlus <info@deutsch-plus.de>
An: Evren <evrenakin@gmx.de>
Betreff: Artikel von Naika Foroutan anlässlich des gestrigen Gedenkens an die Mordopfer der NSU
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_Hallo Evren,_
vielerorts wurde gestern mit einer Schweigeminute den zehn Opfern der
rechtsradikalen Mordserie gedacht. In der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen
Zeitung findest Du einen großartigen Artikel und Aufruf unserer
Deutschplusserin_ Naika Foroutan_ anlässlich des gestrigen Gedenkens an die
Mordopfer der NSU.
Naika plädiert für ein neues Miteinander und eine ehrliche Rassimusdebatte
in unserem gemeinsamen Land.
Den vollständigen Artikel haben wir Dir in diesem Newsletter zum Lesen
bereitgestellt. Natürlich findest du den Artikel auch [3]hier.
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Morde der Zwickauer Terrorzelle
_Ein Angriff, der uns allen gilt_
_Ein Gastbeitrag von Naika Foroutan_
_Mit einer Schweigeminute wird der zehn Opfer der Zwickauer Terrorzelle
gedacht. Doch dieses gefühlvolle Zeichen alleine reicht nicht aus.
Deutschland muss nach den Morden der Neonazis endlich über ein
offensichtliches Problem diskutieren: den wachsenden Rassismus, der immer
mehr Menschen ganz normal vorkommt._
_Naika Foroutan, 40, leitet an der Humboldt-Uni Berlin ein Forschungsprojekt
zu europäisch-muslimischen Identitäten. Sie wurde unter anderem durch ihre
Kritik an Thilo Sarrazin bekannt._
An diesem Donnerstag trauert die Bundesrepublik um die zehn Opfer der
Nazi-Mordserie. Parallel dazu trauern die Opfer der Nazimorde - und das sind
all jene Bürger, die unter der Beharrlichkeit des rechten Gedankenguts
leiden - um die Bundesrepublik. Diese Republik, die sich so schwertut mit
ihrem Wandel zu einem pluralen Deutschland, das doch längst Realität ist,
schafft es nicht, über ein offensichtliches Problem offen zu debattieren:
Über den seit einiger Zeit zunehmenden Rassismus, der sich vom Rand zur
Mitte bewegt und sich dort als Normalität breitmacht.
"Ihr seid dafür auch eher sensibilisiert", sagte kürzlich ein Freund zu
meinem Mann und unserem Trauzeugen, als die beiden die Nazi-Morde als
Schande für das Land bezeichneten: "Ihr"! Mein Mann, weil er mit einer
"Ausländerin" verheiratet ist und unser Trauzeuge, weil er in den Augen des
Betrachters selbst zu den "Ausländern" zählt. Ist es also keine Schande für
jemanden, der nicht mit "denen" liiert ist? So als ob es sich hierbei um
eine auswärtige Affäre handelte und nicht um Bürger Deutschlands, die
ermordet wurden und so, als ob der Angriff auf sie nicht alle Bürger
gleichermaßen beträfe. Keine Schande für unser Land also, sondern nur eine
neue Befindlichkeit der ewig überreagierenden "Ausländer"?
Es hat ja durchaus einen Moment des Schocks gegeben - einen Moment von Scham
und Erschrecken. An diesem Punkt, Mitte November 2011, kamen die Morde durch
einen Zufall ans Licht und eine grausige Erkenntnis schien das Land zu
überrollen, nämlich die, dass der Verfassungsschutz einige seiner Bürger
offensichtlich nicht so zu schützen vermag wie andere - sowie die
Erkenntnis, dass der Rechtsextremismus in Teilen unseres Landes wie ein
Elefant im Raum steht und trotzdem nicht gesehen wird.
Während die Rede von einer "Braunen Armee-Fraktion" verdeutlichte, dass es
hier um einen Angriff auf unsere Demokratie ging, auf uns alle als Bürger,
rückte plötzlich ein anderes Thema in den Vordergrund, welches auch den Tag
der Trauerfeier zu überragen droht: die Diskussion über
den Bundespräsidenten.
Ganz so, als ob in einem Familienverbund jahrelang verschwiegene Fälle von
Kindesmissbrauch aufgedeckt worden wären und just als man anfängt, sich zu
fragen, warum das den Eltern und Verwandten nicht aufgefallen ist oder wer
da mitbeteiligt gewesen sein mag, wer es gedeckt und wer es verschleiert
hat, echauffiert sich die Familie plötzlich ungleich stärker über die
Tatsache, dass ein Familienmitglied einen DVD-Rekorder geklaut hat. Nicht,
dass Diebstahl etwas wäre, worüber man in der Familie nicht debattieren
müsste. Selbstverständlich auch, dass die Familienangehörigen sich dafür
schämen, und ihre Grundsätze in Frage gestellt sehen - aber eigentlich hat
doch die Familie Schlimmeres, das aufzuarbeiten wäre.
Es ist ein schales Gefühl, wenn man beobachtet, mit welch gefühlter
Ehrenkränkung und welchem Eifer wochenlang in einem Land über
Übernachtungen, Kredite und Partys des Bundespräsidenten debattiert wurde,
in einem Land, das gerade über zehn Morde an Menschen zu debattieren gehabt
hätte, die deshalb geschahen, weil diese Menschen anders aussahen.
_Statt einer offenen Diskussion gibt es Stellvertreterdebatten_
Und weil mit diesem Aussehen seit geraumer Zeit Wörter und Denkmuster
einhergehen, die eine soziale Ausbeutung der Volkswirtschaft durch diese
Andersaussehenden suggerieren und damit einen erheblichen Schaden für unser
Land. Integrationsverweigerung, kulturelle Inkompatibilität und Unfähigkeit
des Bildungsaufstiegs werden als unveränderbare Merkmale dieser
Andersaussehenden offen diskutiert.
Wir müssen über Rassismus sprechen in unserem Land. Wir müssen ihn als
Realität anerkennen, als Bedrohung für uns alle - nicht nur für Menschen mit
Migrationshintergrund. Stattdessen führen wir beharrlich
Stellvertreterdebatten. Thilo Sarrazin sagte in einem Interview: "Die Türken
erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben:
durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es
osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der
deutschen Bevölkerung."
Statt dieser offen in der Mitte der Gesellschaft platzierten rassistischen
Äußerung mit einer offen geführten Diskussion über Rassismus zu begegnen,
sprechen wir monatelang über Integration und die Rolle des Islam in
Deutschland. Zehn Menschen werden von Nazis hingerichtet, der
Verfassungsschutz ermittelt in die entgegengesetzte Richtung, die Mörder
werden von einem breiten Umfeld gedeckt - und, statt über Rassismus zu
reden, reden wir neun Wochen lang über Christian Wulff.
Wieder wurde eine Gelegenheit verpasst, in der wir über die zentrale
deutsche Frage hätten sprechen können. Über die Gründe für die Ängste eines
großen Teils der Bevölkerung vor "Überfremdung", die jetzt kulturelle
Unvereinbarkeit heißt, über die emotionale Weigerung, Deutschlands Vielfalt
anzunehmen. 47 Prozent der Menschen in Deutschland sind laut repräsentativen
Umfragen der Meinung, es leben zu viele Ausländer hier. "Taten statt Worte"
lautet der Leitspruch der Rechtsradikalen. Diese Szene hat offensichtlich
das Gefühl, sie vollstrecke das, was sich ein Großteil der Bevölkerung
wünsche, aber nicht traue: den "Ausländern" klarzumachen, dass dies nicht
ihr Land ist!
_Offen über die Gefühlslage der Nation sprechen_
Damit sind nicht nur die fast sieben Millionen Ausländer gemeint, sondern
Millionen Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund, die laut oder leise
ihr Land als ein plurales, neues Deutschland begreifen. Dieses Gefühl der
Nazis können wir nur als falsch entlarven, wenn wir über die Gefühlslage der
Nation offen sprechen und dazu gehören rassistische, abwertende und
zersetzende Gefühle.
Arbeitgeber und Gewerkschaften haben für diesen Donnerstag, zwölf Uhr, zu
einer Schweigeminute aufgerufen - ein klares, ein gefühlvolles, ein schönes
Signal. Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kiliç,
Yunus Turgut, Ismail Yasar, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Theodoros
Boulgarides standen für die erste Generation der Migranten, die zu uns
kamen. Sie waren Arbeiter. Auch die Polizistin Michèle Kiesewetter wird als
Arbeitende geehrt.
Die Schweigeminute ist ein gefühlvolles Zeichen. Vielleicht schafft es auch
Angela Merkel an diesem Donnerstag, ein solches Zeichen zu setzen, jenseits
aller Integrationsgipfel. Das Problem unseres Landes ist ein afghanisches:
Wir müssen Herzen und Köpfe der Deutschen für das Zusammenwachsen gewinnen.
Strukturen zur Integration allein reichen nicht - das zeigen uns
die Nazi-Morde.
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Wir wünschen Dir ein erholsames Wochenende!
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